Comicvorstellung: Infidel vom Splitter Verlag (Video)

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© Splitter Verlag / Pichetshote / Campbell

Heute gibt es mal schwere Kost, mit diesem Rezensionsexemplar vom Splitter Verlag, der mit freundlicherweise „Infidel“ zur Verfügung gestellt hat, einem amerikanischen Horrorcomic mit besonders aktuellem Thema.

Infidel handelt von Aisha, einer jungen Muslima, die mit ihrem Freund Tom und seiner Tochter Kris in einem Haus lebt, in dem erst vor kurzer Zeit ein vermeintlicher Bombenanschlag stattgefunden hat. Aishas beste Freundin Medina, die sie bereits seit ihrer Kindheit kennt, wohnt inzwischen ebenfalls in dem Haus und es könnte alles schön sein, wären da nicht diese ständigen, immer schlimmer werdenden Albträume, die Aisha quälen. Dazu kommen Probleme zwischen Tom und seiner Mutter Leslie, die zwar bemüht scheint, aber in der Vergangenheit schon versucht hat, Kris islamfeindliche Gedanken einzuimpfen und sich sogar erkundigt hat, ob sie das Sorgerecht für das Kind bekommen kann. Dennoch nimmt Aisha Toms Mutter immer wieder in Schutz und verschweigt ihre immer realistischer werdenden Albträume, um die Situation nicht noch schlimmer zu machen.

Irgendwann beginnen die Monster, von denen Sie träumt sie auch tatsächlich anzugreifen, nur kann sie zunächst niemand außer ihr sehen, deshalb gerät sie auch unter Mordverdacht, als sie bei einem Angriff aus Versehen Leslie und Kris die Treppe runterstößt und Toms Mutter stirbt. Medina versucht herauszufinden, was wirklich passiert ist.

Pornsak Pichetshote hat die Story entworfen – und ja, ich habe vorher geforscht, wie sein Name ausgesprochen wird… das sollte ich vielleicht immer machen… – und ist mit seinem Konzept, oder sagen wir einer aussergewöhnlichen Form eines Konzeptes, zu Image Comics gegangen, wo er die kurze Serie umsetzen durfte. Pichetshote ist selbst Thai-Amerikaner und dürfte deshalb leider persönliche Erfahrung mit seinem ausgewählten Thema haben, denn der Horror, der diesem Comic innewohnt ist purer Rassismus, von offenen Anfeindungen bis hin zu Alltagsrassismus, den vermutlich jeder von uns traurigerweise bei sich entdecken kann. Sei es durch Erziehung, gelebte Kultur, in der es früher ok war, das N-Wort zu benutzen, um People of Color zu beschreiben, was aber heutzutage einfach als Schimpfwort gesehen werden muss und deshalb aus dem Wortschatz verbannt gehört, so wie viele andere Dinge auch, die einem vielleicht nicht mal sofort auffallen. Gerade heutzutage muss man aber umdenken und genau deshalb trifft Infidel zu 100% den Nerv der Zeit, sei es mit der Flüchtlingskrise, Terrorattacken oder das ganz frische Black Lives Matter Movement. Auch wenn die zentralen Charaktere der Geschichte mit der Islamfeindlichkeit zu kämpfen haben, lässt sich der hier gezeigte Horror jedoch auch auf alle anderen Bereiche der Fremdenfeindlichkeit und des Rassismus ausweiten. Pornsak Pichetshote hat dieses Thema nun in einen auch für weiße Menschen verständlichen Rahmen gesetzt, indem er den Hass als Monster darstellt, das nicht von jeder Figur in der Story gesehen werden kann, denn genau das ist das Problem. Weiße Menschen sehen das Problem der Fremdenfeindlichkeit nicht bei sich und deshalb hört man dann gerne solche Sätze wie “ich sehe keine Hautfarbe” um zu zeigen, dass man kein Rassist ist, doch das Problem kann eben nicht beseitigt werden, indem man Empathie gegenüber den Opfern, also den People of Color zeigt, sondern, man muss es an der Wurzel packen, bei sich selbst. Und wo das Problem liegt, wird in Infidel wirklich brutal dargestellt. Die Angst vor dem Fremden, sofortigen Schuldzuweisungen, wenn jemand anders ist und nur in der Nähe eines Verbrechens war, Alltagsrassismus, den man oft nicht mal bei sich selbst erkennt und sei es nur eine plötzlich auftauchende, unerklärliche Angst, nur weil man Ausländer in der Nähe sieht. Auch das gehört dazu, eingeimpft durch Medien, sei es das Internet oder hetzerischen Zeitungen und Politikern oder einfach die Oma, die noch den Krieg miterlebt hat und grausame Erfahrungen gemacht hat. Obwohl man selbst keine schlechten Erlebnisse hatte, überträgt sich diese irrationale Angst trotzdem in unsere Köpfe und macht uns damit zum Teil des Problems. Und genau das führt uns Pichetshote auf dieser Metaebene als Horror vor Augen.

Um auch den letzten Leser auf das Wahrnehmungsproblem zu stoßen, dass Menschen haben, die eben nicht direkt von Rassismus betroffen sind, vollführt der Autor nach dem “Unfall” einen Charakterwechsel, als plötzlich Aishas Freundin Medina im Mittelpunkt steht. Hier zeigt er nun, dass sie, die sich bisher vom Islam abgewandt hatte und sich dann aber als Muslima zu erkennen gibt, plötzlich auch von der Fremdenfeindlichkeit betroffen ist und die Monster sehen kann. In meinen Augen ein starkes Bild, dass auch dem begriffstutzigsten Whataboutisten, der so arg unter Rassismus leidet, weil er in Witzen Allman genannt wird, zeigen sollte, worum es hier geht.

Die passenden Bilder dazu liefert Aaron Campbell, der hier mit verschiedensten Stilen arbeitet. Während die Charaktere und Szenerien in einem von Outlines geprägten Comicstil gehalten sind, wie man ihn durchaus gewohnt ist, werden die Monster sehr viel plastischer gehalten, sodass sie aus den Panels herausstechen und direkt ins Auge fallen. Sie bringen damit einen stärkeren Horrorfaktor ein, als es der Fall wäre, wenn sie im gleichen Stil gehalten wären wie der Rest. Erinnerungen und Träume werden schließlich noch in einem dritten Stil gezeigt, der an einfache Kinderzeichnungen erinnert und damit eine gewisse Unschuld transportiert. Insgesamt wird Infidel dadurch zu einem echten Trip.

Ich habe bei diesem Comic etwas gemacht, was ich selten mache, denn ich habe mir auch das komplette Zusatzmaterial durchgelesen, vom Vor- und Nachwort über die Entstehungsgeschichte und das Pitchmaterial. Normalerweise interessiert mich das nicht so, aber hier wollte ich jede Information mitnehmen, die ich kriegen konnte, um die Geschichte auch genau zu verstehen und nicht in die eigene „weisser Mann“ Falle zu tappen, denn Infidel bietet die ein oder andere Stelle, wo man plötzlich Verständnis für die „Ich bin doch kein Rassist, aber…“ Fraktion haben könnte. Hier sollte man aber in erster Linie den Schluss daraus ziehen, dass man sich einfach auf dem Holzweg befindet. Ihr werdet das sicher bei dem Pärchen bemerken, dass in einer Rückblende eine zu große Neugier gegenüber dem Besitz des arabischen Nachbarn entwickelt. Erst kann man es vielleicht noch nachvollziehen, aber dann beginnt eine Abwärtsspirale, die man durchbrechen muss, wenn man das Problem Rassismus wirklich bekämpfen möchte.

Auf 168 Seiten, inklusive Bonusmaterial, bekommt man eine wahnsinnig intensive Miniserie zu einem Thema, wie es nicht aktueller sein könnte. Es ist ja durchaus nicht unüblich, dass im Horror zeitgenössische Themen aufgegriffen und verarbeitet werden, sei es Elektrizität, die Monster zum Leben erweckt, atomare Strahlung, die Mutationen verursacht, Gentechnik oder andere hochbrisante Themen jener Zeit, in der die Geschichten geschrieben wurden. Hier ist es der Rassismus. Auch wenn er gerade nichts Neues ist, befinden wir uns aber wohl wieder an einer Weggabelung, an der wir vieles verändern können. Und da setzt Infidel geschickt an und bietet uns ein Lehrstück. Uns, die wir für Fremdenhass mindestens mitverantwortlich sind und verstehen müssen, dass sich daran etwas ändern muss. Pichetshote und Campbell können uns helfen, das Problem zumindest ein bisschen besser zu verstehen. Da sind 24 Euro ein geringer Preis, den man als Comicfan auf sich nehmen sollte. Für mich, neben Unfollow, bisher eines der wichtigsten gesellschaftlich relevanten Themen des Jahres und damit auch einer der wichtigsten Comics 2020.

Ich hoffe, dass euch das Video gefallen hat und ihr nun neugierig auf Infidel geworden seid. Ich kann es euch wirklich nur ans Herz legen.

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